- 17. März, 2026
Multiples Myelom: Neue Fragen zu Versorgung und Steuerung
Die Therapie des Multiplen Myeloms ist eine medizinische Erfolgsgeschichte. Doch längere Überlebenszeiten und die Zunahme der Fallzahlen werfen neue Fragen in der Versorgung und Steuerung auf. Das Österreichische Onkologie Forum zeigt Lücken auf, die es dringend zu schließen gilt.
Am Podium von links nach rechts: Assoc.-Prof.in Priv.-Doz.in Dr.in Maria Krauth (MedUni Wien), Priv. Doz. Dr. Walter Albrecht (Gesundheit Burgenland), Dr.in Karin Eglau (GÖG), Benjamin Riedl, MSc (Wiener Gesundheitsverbund), Dr.in Birgit Ploier-Brandauer (PHARMIG), Dr. Stefan Meusburger (Ordensklinikum Linz), Priv.-Doz.in Dr.in Kathrin Strasser-Weippl (OeGHO), Univ.-Prof. Dr. Ewald Wöll (OeGHO)
(Wien, 2026-03-11) – Das Österreichische Onkologie Forum als offener Thinktank der Österreichischen Gesellschaft für Hämatologie & Medizinische Onkologie (OeGHO) hat bei seinem aktuellem Workshop in Wien erstmals ein hämatologisches Krankheitsbild ins Zentrum gerückt: das Multiple Myelom. „An dieser Erkrankung zeigt sich der Wandel der Onkologie besonders deutlich, denn das Multiple Myelom ist heute eine Krebserkrankung mit deutlich verlängerter Überlebenszeit. Waren es früher zwei bis vier Jahre, so sprechen wir heute von 15 Jahren und mehr. Damit ergeben sich völlig neue Versorgungsfragen, mit denen das Gesundheitssystem in dieser Form bislang nicht konfrontiert war“, sagt Priv.-Doz.in Dr.in Kathrin Strasser-Weippl, Medizinische Leiterin der OeGHO sowie Gastgeberin und Moderatorin des Workshops, einleitend. „Wie organisiert man hochspezialisierte Therapien über Bundesländergrenzen hinweg?“, „Wie geht man mit chronischen Therapieverläufen um, wenn die Betroffene möglicherweise wieder in den Berufsprozess zurückkehren können?“ waren nur einige der Fragen, auf die mit Expert:innen Lösungen gesucht wurden.
Lücken auch in der Nachsorge
Die CAR-T-Zelltherapie, eine personalisierte Immuntherapie, steht exemplarisch für eine innovative, hochspezialisierte und zugleich hochpreisige Versorgung. Patient:innen werden mit dieser Therapie derzeit über Bundesländergrenzen hinweg versorgt, da nicht jedes Krankenhaus die nötigen Strukturen zur Verabreichung der CAR-T-Zelltherapie hat. „Das hat bisher pragmatisch gut funktioniert, doch wir müssen uns die Frage stellen, wie tragfähig dieses Modell bei steigenden Fallzahlen und hohen Kosten auf Dauer bleibt“, sagt Strasser-Weippl. Diese Therapien haben eigene Zuweisungsprozesse und ebenso besondere Nachsorgebedürfnisse, die auch über Bundesländergrenzen hinweg funktionieren müssen.
Im Zuge der Überarbeitung des Kapitels Onkologie im Österreichischen Strukturplan Gesundheit (ÖSG) wurde deutlich, dass etwa die bisherige Kopplung der CAR-T-Zelltherapie an allogene Stammzelltransplantationszentren an Grenzen stößt, sodass heute auch an Abteilungen, die autolog transplantieren, CAR-T-Zelltherapie verabreicht wird. „Entscheidend sind hierbei aber nicht einzelne Bettenkategorien, sondern belastbare Qualitätskriterien, wie etwa die intensivmedizinische und neurologische Expertise sowie Angebote in der Bildgebung und Labordiagnostik“, betont Prim. Univ.-Prof. Dr. Ewald Wöll, Ärztlicher Direktor, Krankenhaus St. Vinzenz, Zams, und Präsident der OeGHO.
Konsens besteht bei den Expert:innen darin, dass die Versorgung nicht an formalen Strukturmerkmalen hängen bleiben darf, sondern an der Frage, ob ein Standort die spezifischen Risiken und Nebenwirkungen dieser Therapien sicher beherrschen kann. „Die Verantwortung endet nicht mit der Verabreichung der CAR-T-Zelltherapie. Es braucht strukturierte Nachsorgepläne, klare Zuständigkeiten, erreichbare Ansprechpartner:innen und definierte Pfade, damit die Patient:innen nach der Therapie wieder wohnortnah betreut werden können“, formuliert Strasser-Weippl aus den Ergebnissen der Diskussion.
Engpass: Diagnostische Ressourcen
Die moderne Versorgung beim Multiplen Myelom kommt ohne standardisierte, hochqualitative Diagnostik nicht aus. Das betrifft einerseits die Abgrenzung und Verlaufskontrolle von Vorstufen wie monoklonaler Gammopathie unklarer Signifikanz (MGUS) oder Smouldering Myeloma (SMM), andererseits die Diagnostik minimaler Resterkrankung (MRD). Gerade Letztere gilt als Schlüssel, um Therapien künftig gezielter zu steuern, Erhaltungstherapien zu verkürzen und unnötige Langzeittherapien sowie die damit verbundenen Kosten zu vermeiden. „Die medizinische Relevanz der MRD-Diagnostik ist anerkannt, ihre breite klinische Implementierung in Österreich aber noch nicht erfolgt. Hier fehlt es an einheitlichen Empfehlungen, an standardisierten Prozessen und an flächendeckender Verfügbarkeit“, sagt Assoc. Prof. Priv.-Doz Dr.in Maria Krauth von der Klinischen Abteilung für Hämatologie und Hämostaseologie an der Medizinischen Universität Wien.
Wenn Therapien immer länger verabreicht werden, ohne dass geeignete Messinstrumente für ein Absetzen bestehen, bindet das Ressourcen und belastet Betroffene unnötig. Um Therapien sicher absetzen zu können, ist eine MRD-Diagnostik notwendig. Als sinnvoll wurde hier ein Netzwerkmodell mit wenigen hochspezialisierten, standardisierten Zentren beschrieben, an die Proben österreichweit eingesandt werden können, wie es beispielsweise bereits in Deutschland besteht.
Eng damit verbunden war die Frage nach diagnostischen Ressourcen insgesamt. Kritisiert wurde, dass moderne Bildgebung, spezialisierte Laboruntersuchungen oder interventionelle Verfahren nicht ausreichend verfügbar sind oder an der Schnittstelle zwischen intra- und extramuralem Bereich scheitern. Für Freiraum im Sinn von regionalen Netzwerken setzt sich hier Dr. Stefan Meusburger, MSc., Geschäftsführung Ordensklinikum Linz, ein: „Wenn sich ein medizinisches Feld wie das des Multiplen Myeloms so dynamisch entwickelt, dann braucht es dezentrale Gestaltungsmöglichkeiten und nicht Vorgaben einer zentralen Stelle. Dann haben wir auch gute Chancen, über Kooperationen und Netzwerke die Ressourcen besser aufzustellen.“
Tumorboards vernünftig einsetzen
Hier schließt sich auch Priv.-Doz. Dr. Walter Albrecht von der Gesundheit Burgenland an: „Bei seltenen und komplexen Behandlungen mit geringen Fallzahlen braucht es Zusammenarbeit statt Insellösungen. Wir haben in der Gesundheit Burgenland die Strukturen geschaffen, Expertise aufgebaut und ein eigenes hämatologisches Tumorboard etabliert. Bei geringen Fallzahlen sind Kooperationen mit Wien und Graz essenziell, um eine Versorgung in hoher Qualität sicherzustellen.“
Tumorboards stärken die interdisziplinären Entscheidungen und sollen vor allem vor Unter- oder Fehlversorgung schützen. Gleichzeitig gilt es, ihre Rolle angesichts knapper Ressourcen kritisch zu hinterfragen. Denn während sie in manchen Spitälern zunehmend mit Routine- oder sogenannten „Nennfällen“ überfrachtet werden, um formale Voraussetzung für Freigaben, die Dokumentation oder Registermeldungen zu erfüllen, können sie in anderen ihre Vorteile ausspielen, wenn komplexe oder unklare Fälle anstehen. „Dieses heterogene Bild zeigt, dass wir mehr entitätsspezifische Tumorboards, insbesondere für seltene und hochkomplexe Erkrankungen wie das Multiple Myelom, benötigen. Wichtig sind auch hier flexible, qualitätsgesicherte Modelle mit ausreichender personeller und administrativer Unterstützung“, ist Krauth überzeugt. Dass die Tumorboards künftig eine noch wichtigere Rolle als Drehscheibe für die onkologische Versorgung spielen werden, betont Benjamin Riedel, MSc. vom Wiener Gesundheitsverbund: „Durch den demografischen Wandel und den medizinischen Fortschritt bei den Therapien wird ihre Bedeutung für eine effiziente und effektive Versorgung steigen.“
Unzureichende Strukturen wurden einmal mehr im Zusammenhang mit klinischen Studien diskutiert. Einigkeit bestand unter den Expert:innen darüber, dass ein strukturierter Überblick über offene Studien, die Rekrutierung und die Zuweisung geeigneter Patient:innen – nicht nur in der Onkologie – dringend erforderlich wäre. „Gerade angesichts der hohen Innovationsdynamik beim Multiplen Myelom bleibt der Studienstandort Österreich nur dann konkurrenzfähig, wenn Transparenz, Vernetzung und raschere Prozesse verbessert werden“, betont PHARMIG-Vertreterin DI Dr.in Birgit Ploier-Brandauer, Medical Affairs Director bei Johnson & Johnson
Von der Palliativversorgung bis zur sozialen Teilhabe
Nach einer Behandlung in einem spezialisierten Zentrum haben es Patient:innen mit palliativmedizinischem Bedarf oft schwer, zurück in wohnortnahe Strukturen übernommen zu werden. Vor allem an Bundesländergrenzen entstehen hier Versorgungslücken. Auch hier fehlt es einmal mehr an Nachsorge- und Übergabepfaden, der überregionalen Vernetzung und klar definierten Zuständigkeiten. „Das ist ein klares Strukturproblem, das nicht bei den behandelnden Ärzt:innen hängen bleiben darf“, betont Strasser-Weippl.
Auch für Rehabilitation, Wiedereingliederung und gesellschaftliche Teilhabe fehlt es manchmal an passenden Lösungen. Flexible Reha- und Wiedereingliederungsmodelle für chronische Krebspatient:innen, die immer wieder Behandlungsphasen haben, dazwischen aber durchaus einer Erwerbstätigkeit nachgehen können, sollten daher ebenso ausgebaut werden wie sozialrechtliche Rahmenbedingungen.
