- 30. Januar, 2026
Klinische Forschung unter Druck: Anschluss an internationalen Wettbewerb gefährdet
Die Teilnahme an klinischen Studien – international eine Selbstverständlichkeit bei der Behandlung onkologischer Patient:innen – ist in Österreich nicht in der breiten Versorgung etabliert. Heterogene Genehmigungsprozesse, lange Vorlaufzeiten und oft unklare Zuständigkeiten vermindern maßgeblich Österreichs internationale Wettbewerbsfähigkeit in diesem Bereich. Daher fordert das Österreichische Onkologie Forum im Rahmen eines umfangreichen Maßnahmenkataloges die Sicherung eines wettbewerbsfähigen Studienstandortes in Österreich.
Am Podium von links nach rechts: Univ.-Prof. Dr. Michael Gnant (ABCSG), DI Dr. Martin Renhardt (Gesundheitsministerium), Dr.in Hemma Bauer (Bundesministerium für Frauen, Wissenschaft und Forschung), George Tousimis (FOPI), Priv.-Doz.in Dr.in Kathrin Strasser-Weippl (OeGHO), Priv.-Doz. Dr. Holger Rumpold (Ordensklinikum Linz)
(Wien, 2026-01-27) – Das Österreichische Onkologie Forum ist ein offener Thinktank der Österreichischen Gesellschaft für Hämatologie & Medizinische Onkologie (OeGHO), der versorgungsrelevante Themen in Hämatologie und Onkologie aufgreift und gemeinsam mit Expert:innen konkrete Empfehlungen für österreichweite Qualitätsstandards erarbeitet, die anschließend mit Stakeholdern diskutiert werden. Beim aktuellen Workshop im Parlament in Wien standen im Kontext der neuen Life-Science-Strategie klinische Studien im Mittelpunkt. „Ziel ist es, Rahmenbedingungen so zu verändern, dass Qualität, Zugang und Effizienz klinischer Forschung in Österreich nachhaltig verbessert werden“, sagt Priv.-Doz.in Dr.in Kathrin Strasser-Weippl, Medizinische Leiterin der OeGHO Diskussionsleiterin und Moderatorin des Workshops.
Umfassender Handlungsbedarf ist sichtbar
Die Zahl klinischer Studien ist in Österreich seit Jahren rückläufig. Gleichzeitig sorgen personalisierte Therapiekonzepte und enge Indikationen in der Onkologie dafür, dass pro Studie zukünftig immer weniger Patient:innen rekrutiert werden können. Damit wird Effizienz in der Studienvorbereitung zum entscheidenden Standortfaktor. „Die Analyse der Versorgungsrealität zeigt, dass medizinische Universitäten nur einen Teil der onkologischen Patient:innen in Österreich versorgen. Daher können- bei immer spezialisierteren Indikationen – klinische Studien nicht ausschließlich an Universitätsstandorten stattfinden, sondern müssen auch Schwerpunktkrankenhäuser und assoziierte Zentren einbinden“, beschreibt Strasser-Weippl.
Als besonders problematisch bewertete das Onkologie Forum die stark variierenden Durchlaufzeiten bei Vertrags- und Startprozessen. „In einzelnen Zentren gelingt der Studienstart rasch, in anderen dauert er viele Monate bis hin zu einem Jahr, das ist ein klarer Wettbewerbsnachteil im internationalen Vergleich“, so die Onkologin. Zusätzlich unterscheiden sich organisatorische Rahmenbedingungen, denn während beispielsweise manche Träger erhebliche Overheads verrechnen, sind es bei anderen gar keine. Während die einen Personal- oder Raumressourcen zur Verfügung stellen, muss bei anderen dafür viel Geld investiert werden. Diese Heterogenität führt dazu, dass klinische Forschung in Österreich stark vom Engagement einzelner Personen anstatt von verlässlichen Standards abhängt.
Klarer Maßnahmenkatalog von OeGHO gefordert
Klinische Studien sind nicht nur ein Forschungsinstrument, sondern ein Versorgungsfaktor, denn sie ermöglichen Patient:innen den frühen Zugang zu innovativer Diagnostik und Therapie. Wenn Studien aus Österreich abwandern, drohen mittelfristig Nachteile in Qualität, Ausbildung und Versorgungssicherheit. „Wenn wir uns nicht bewegen und Prozesse verändern, werden klinische Studien dort durchgeführt, wo die Rahmenbedingungen einfach sind“, bestätigt auch George Tousimis, Vizepräsident des Forums der forschenden pharmazeutischen Industrie (FOPI).
Kernforderung der OeGHO ist daher ein klares Systembekenntnis: Klinische Forschung muss als Teil der Versorgung anerkannt und entsprechend in Strukturqualitätskriterien abgebildet werden. Konkret soll in den relevanten Versorgungsstufen eine nachhaltig finanzierte Basisinfrastruktur verbindlich vorgesehen werden. Dazu gehören Studienkoordination, die administrative Unterstützung, eine Kostenstelle für Studiengelder, definierte Abläufe und geeignete Räumlichkeiten. Ziel ist, klinische Forschung nicht länger über fragile Einzelinitiativen wie Vereine zu organisieren, sondern strukturell zu verankern. „Ein transparenter Benchmark-Korridor für die Vorbereitungs- und Vertragsprozesse muss festgelegt werden“, fordert Univ.-Prof. Dr. Michael Gnant, Brustkrebsexperte und Präsident der erfolgreichen österreichischen Studiengruppe ABCSG. Die OeGHO spricht sich für klare Zielwerte aus, die etwa definierte Zeitfenster zwischen vollständiger Einreichung und Vertragsabschluss festlegen. Dazu gehören praktikable Maßnahmen, die ohne große Zusatzbudgets umsetzbar sind, etwa standardisierte Vertragsunterlagen oder Englisch als einheitliche Korrespondenzsprache. Als konkrete, unmittelbar umsetzbare Strukturmaßnahme nennt die OeGHO die verpflichtende Einrichtung einer Kostenstelle, über die klinische Studien an den relevanten Versorgungsstufen transparent abgewickelt werden können. Weiters fordern die Onkolog:innen eine funktionierende, österreichweit nutzbare Plattform, die sichtbar macht, wo welche Studien laufen und an wen sich Zuweiser:innen wenden können. „Der Status quo ist unzureichend, weil vorhandene Angebote eine Vernetzung nicht zulassen. Eine bundesweite Lösung auf Basis vorhandener Datenflüsse könnte die Zuweisung erleichtern und Rekrutierung effizienter machen“, sagt Assoz. Prof. Dr. Gabriel Rinnerthaler, Stv. Leiter der Klinischen Abteilung für Onkologie an der Med Uni Graz.
Klinische Forschung braucht einen Kulturwandel
Mit Blick auf personalisierte Onkologie plädiert die OeGHO für Anpassungen, die eine standortübergreifende Betreuung erleichtern. Als Beispiel wird die Möglichkeit genannt, Patient:innen näher am Wohnort zu betreuen, ohne die Studie organisatorisch vollständig duplizieren zu müssen. „Damit könnten Netzwerke entstehen, die Österreich trotz kleiner Patientenzahlen als attraktiven Studienstandort positionieren“, sagt Priv.-Doz. Dr. Holger Rumpold, Leiter der Abteilungen Interne I für Hämatologie mit Stammzelltransplantation, Hämostaseologie und Medizinische Onkologie am Ordensklinikum Linz. Der Idee dezentraler Netzwerkpartner kann sich auch DI Dr. Martin Renhardt, Leiter der Abteilung Arzneimittel und Medizinprodukte, Blut, Gewebe und Transplantationswesen im Gesundheitsministerium (BMASGPK), anschließen und will die rechtlichen Rahmenbedingungen dazu prüfen lassen.
Schließlich waren sich die medizinischen Expert:innen einig, dass eine strukturierte Dokumentation und ein praktikabler Datenaustausch eine systematische Versorgungsforschung erst möglich machen. Gleichzeitig wird betont, dass ein reiner Fokus auf universitäre Datenräume zu kurz greift. Um den besonderen Status akademischer Studien ohne wiederholte Überprüfung darstellen zu können, wird ein zeitlich befristetes Zertifikat für akademische Studiengruppen vorgeschlagen, das definierte Transparenz- und Qualitätskriterien prüft und dann die rasche Einstufung akademischer Studien in Zentren erleichtert. Das würde administrative Doppelarbeit reduzieren und viel Zeit sparen. Die Idee möchte Dr.in Hemma Bauer, Abteilungsleiterin im Bundesministerium für Frauen, Wissenschaft und Forschung, aufgreifen und eine zeitlich befristete Zuerkennung einer „Studienplakette“ prüfen.
Die OeGHO weist abschließend darauf hin, dass klinische Forschung Kompetenz, Zeit und Ausbildung benötigt. „Um den Nachwuchs zu sichern, soll die Beteiligung an Studien stärker in Ausbildungspfade integriert werden. Klinische Forschung darf nicht als Zusatzbelastung einzelner Enthusiast:innen verstanden werden, sondern als Bestandteil moderner Onkologie“, so Rumpold.
Das gesamte erarbeitete Maßnahmenpaket soll die Geschwindigkeit, Planbarkeit und Transparenz in den Studienprozessen erhöhen. Entscheidend dabei ist, dass klinische Forschung als öffentliches Interesse verstanden wird, denn sie stärkt die Behandlungsqualität, sorgt für Innovation in der Behandlung und Versorgung und einen attraktiven Forschungsstandort Österreich.
